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der hirte also… wir sind es gewohnt, ihn als den zu sehen, der souverän vor seiner herde weggeht und dessen wichtigste aufgabe darin besteht, sie von einem ort zu einem andern zu führen. ich glaube, dass diese auffassung, wenn auch nicht falsch, so doch verkürzt ist. sicherlich gehört es zu seinen aufgaben, die herde zu neuen weiden zu führen, aber seine aufgaben sind vielfältiger und damit auch die bedeutung des bildes tiefer.

Michel Foucault macht in seinem aufsatz „omnes et singulatim“ (zu finden in dem band „Analytik der Macht„) einige sehr lohnenswerte bemerkungen zur rolle des hirten, von denen ich hier einige kurz wiedergeben will. „Die Rolle des Hirten besteht darin, das Heil seiner Herde sicherzustellen. […] Was auch immer der Hirte tut, er tut es zum Wohl seiner Herde.“ mit anderen worten: der hirte bezieht seine daseinsberechtigung allein aus der existenz und dem überleben der herde. wo sie nicht existiert oder zerfällt, hat der hirte seine existenzberechtigung verloren und ist in seiner eigenen existenz bedroht. diese enge bindung stört das einfache, hierarchische bild von führer und geführten. vielmehr zeigt sich eine enge interdependenz zweier existenzen, eine gegenseitige abhängigkeit und angewiesenheit.

und diese verschränkung ist noch einmal vielfältiger. sie ist nicht, sogar unter gar keinen umständen, auf die herde als masse bezogen, sondern auf jedes einzelne mitglied dieser herde. die existenz des hirten hängt voll und ganz vom leben und wohlergehen des individuums ab. Foucault sagt das so: „Es geht nicht darum, alle gemeinsam zu retten, wenn Gefahr im Verzug ist, sondern alles ist eine Frage des beständigen Wohlwollens, das individualisiert und zielgerichtet ist. [Man verlangte vom Hirten] ein individualisiertes Wohlwollen, denn der Hirte wacht darüber, dass alle seine Schafe ohne Ausnahme gesättigt und gerettet werden.“ das wachen bekommt bei ihm einen besonderen fokus, denn hier sieht er den größten einsatz des hirten, die zeigt sich seine existenzielle bindung an seine schafe: „Es macht zwei Aspekte der Aufopferung des Hirten deutlich. Erstens handelt er, müht sich ab und stürzt sich in Unkosten für jene, die er ernährt und die eingeschlafen sind. Zweitens wacht er über sie. Er bringt allen seine Aufmerksamkeit dar, ohne einen von ihnen aus den Augen zu verlieren.

das motiv des wachens, oder des schutzes, drängt sich auch in den vordergrund, wenn man sich die situation eines hirten in der antike, aus der ja unsere biblischen texte stammen und in deren vorstellungen sie verhaftet sind, vor augen hält. die größte bedrohung seiner herde und gerade des individuellen schafes sind wilde tiere. das spielt für uns heute kaum noch eine rolle, war aber zu damaliger zeit allgegenwärtig. der schutz vor den angriffen von raubtieren nahm demzufolge einen großen teil der energie des hirten in anspruch.

setzen wir das voraus, dann erscheinen alle bilder, die visuellen nun, den den hirten an der spitze seiner herde zeigen, als irreführend. denn die meiste zeit war der hirte der antike hinter seiner herde, wo er jedes einzelne mitglied im auge haben konnte und von hinten anschleichende raubtiere abwehren konnte. andernfalls wäre ein solches durchaus in der lage gewesen, das ein oder andere tier zu reißen, bevor der geräuschpegel der anderen den hirten an der spitze alarmiert hätte. vorne den weg zu weisen ist die meiste zeit gar nicht nötig, denn den weg zu einer weide, die die herde bereits kennt, findet sie durchaus ohne hilfe. übrigens hat auch der berühmte psalm 23 den hirten hinter der herde im blick: „Vers 6: Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“ wieso folgen? weil eben das gute und die barmherzigkeit, in den versen davor ausführlich in der person des hirten ausgemalt, sich hinter der herde bewegen.

dies also, der schutz, erscheint als die hauptaufgabe des hirten. schafe können durchaus auch auf eigene faust nahrung finden und ihr überleben sichern. was sie aber nicht können, ist sich gegen wilde tiere zu wehren. im konkurrenzkampf des fressens und gefressenwerdens sind sie auf sich selbst gestellt sichere verlierer. dieses konkurrenzkampfes sind sie erst durch den hirten enthoben, der ihre verteidigung übernimmt.

viel geht einem durch den kopf, wie all das unsere christliche hirtenmetapher prägen kann. einige thesen will ich hier aufstellen: Jesus als der gute hirte sichert zuallererst unser überleben, indem er uns den konkurrenzkämpfen dieser welt entreißt. wir müssen um unser existenzrecht nicht kämpfen, es ist uns durch Jesus sicher. das ist nicht wenig in einer welt, in der schon die verteilung der rein materiellen mittel des überlebens allein und affirmativ durch konkurrenzkämpfe geregelt wird. der gute hirte hält uns den rücken frei, damit wir unseren weg durch die welt gehen können. dieser unterliegt zum glück der korrektur und der planung durch den hirten, liegt aber im vollzug immer in unserer eigenen verantwortung.

den hirten in unserem rücken, also an unserer vewundbarsten und dem blickfeld enthobenen stelle zu wissen, gibt uns die freiheit zu handeln, in der welt im sinne eben dieses hirten zu wirken, der wie gesagt durchaus weiß, welchen weg er für seine herde im auge hat. das gibt zum einen den individuen der herde eine große würde (und um die würde der herde wird sich der nächste teil drehen), ruft aber gleichzeitig auch zur demut. denn egal wie erfolgreich und zielstrebig wir uns nach vorne bewegen, wir hängen ganz von dieser einsamen gestalt hinter uns ab, die sich unter einsatz – und wir wissen, auch unter verlust – ihres lebens an uns gebunden hat.

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Written by Henni

13. August 2009 at 22:37

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wer in google die suchbegriffe „hirte herde“ eingibt, bekommt wahrscheinlich mehr christlich angehauchte seiten zu sehen als bei einer suche nach „jesus“. das bild vom guten hirten gehört zu den klassischen standards der christlichen ikonographie, es hängt in kitschigen pastellfarben in so manchem gottesdienst raum, ob alt oder retro. ja, eine ganze institution kirche beruft sich in ihren strukturen auf dieses bild. und schließlich kennt, wer keinen psalm je gelesen hat oft doch zumindest den dreiundzwanzigsten, den locus classicus christlicher hirtenmetaphorik.

doch, lese ich mir einige zufällige seiten aus dem google-suchergebnis durch, befällt mich ein leichtes unwohlsein, und das kommt mir aus langer christlicher sozialisation bekannt vor. text über text beschäftigt sich mit dem hirten, der festen schrittes voran geht und den leicht dämlichen schafen, die ihm hinterhertrotten, ohne viel mehr vom weg zu sehen als den quadratmeter unter ihren füßen. das erinnert mich an mehr als eine predigt, die irgendwann zu den worten anhob „schafe sind ja von natur aus dumm“.

zum einen ist es wohl ein leichtes persönliches gefühl von beleidigtsein, das das unwohlsein hervorruft. als tendenziell minderbemitteltes schaf mit sehr eingeschränktem blickfeld möchte ich mich, und wohl kaum jemand sonst, selbst lieber nicht sehen. aber es steht auch quer zu ganz anderen bildern, die christen von sich pflegen. wir malen uns doch auch, und längst nicht nur in emergenten kreisen, als hände und füße gottes, die mutig vorangehen und gottes botschaft und reich in die welt tragen, mit weitsicht und oft auch risikobereitschaft. wie soll das zusammenpassen?

gut, nun gibt es in der biblischen literatur eine unzahl von bildern, die das verhältnis von gott und seinen menschen beschreiben. wir könnten also das mit dem hirten einfach ein wenig mit missachtung strafen und uns auf andere bilder verlegen, die unserer sicht auf auf uns, unseren auftrag und unser vorgehen eher entsprechen. könnten wir. nur stellt sich dagegen eine breite verarbeitung des bildes in allen schichten der bibel, quer durch beide testamente und über alle autoren hinweg. das schreit nach einer auseinandersetzung damit.

was, wenn die metapher gar nicht so schräg zu anderen läuft? was wenn das bild dummerweise in den letzten tausend jahren umgeformt wurde, zu dem was wir heute kennen, aber weg von dem was die ältesten leser vor augen hatten, wenn sie diese texte lasen?

und zumindest eines ist mir dann doch sehr sympatisch: Jesus als der gute hirte. als einer, der ohne zuhause über die felder zieht, staubig und leicht angeranzt und anrüchig, am rande der gesellschaft, auf den man vielleicht auch leicht herabsieht. passt das nicht hervorragend zu dem sohn gottes, der mensch wurde, sich schwach machte, bespuckt und verachtet wurde und schließlich als verurteilter schwerverbrecher einen würdelosen tod sterben musste. mich faszinierte schon immer die demut, die diese gestalt, von der wir alles abhängig machen, uns christen abnötigt. der hirte in der antike ist genau so eine gestalt.

für heute belasse ich es bei dieser problemanzeige und dem ausblick und werde in den nächsten tagen versuchen, einen genaueren blick auf das bild des hirten und seiner herde zu werfen. ich denke, es wird sich lohnen.

Written by Henni

11. August 2009 at 21:41

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