freedom to god's people

das gute ist der feind des besten

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Was soll mir die Menge eurer Opfer?, spricht der HERR. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fettes von Mastkälbern und habe kein Gefallen am Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke. Wenn ihr kommt, zu erscheinen vor mir – wer fordert denn von euch, dass ihr meinen Vorhof zertretet? Bringt nicht mehr dar so vergebliche Speisopfer! Das Räucherwerk ist mir ein Gräuel! Neumonde und Sabbate, wenn ihr zusammenkommt, Frevel und Festversammlung mag ich nicht! Meine Seele ist Feind euren Neumonden und Jahresfesten; sie sind mir eine Last, ich bin’s müde, sie zu tragen. Und wenn ihr auch eure Hände ausbreitet, verberge ich doch meine Augen vor euch; und wenn ihr auch viel betet, höre ich euch doch nicht; denn eure Hände sind voll Blut. Wascht euch, reinigt euch, tut eure bösen Taten aus meinen Augen, lasst ab vom Bösen! Lernt Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schafft den Waisen Recht, führt der Witwen Sache!
Jes 1,11-17

gewöhnlich lesen wir diesen text wie unter der überschrift der lutherübersetzung zu Amos 5,21, der ganz ähnlich lautet: der äußerliche gottesdienst tut’s nicht. will heißen kümmert euch zuerst um eure herzenshaltung und dann könnt ihr auch ordentlich opfer bringen. so gelesen lautet die frage eher „wie können wir angemessen opfern“ als „sollen wir überhaupt opfern“. denn alles, was der prophet hier aufzählt, sind doch dinge die gott seinem volk sehr detailliert aufgetragen hat: die verschiedenen opfer zu verschiedenen anlässen und der kalender der jahresfeste, die jeweils an einen anderen anlass auf dem weg gottes mit seinem volk erinnern sollen. das sind grundfesten der beziehung israels zu seinem gott.

aber ich will den text anders lesen. denn nirgendwo kann ich erkennen, das hier geschrieben ist: tut erst dies und das und dann könnt ihr wieder… hier steht: „Tut nicht mehr!“ „gebt alles auf, was ich euch geboten habe, gebt eure vorstellung von gottesbeziehung auf, die ich, gott euch beigebracht habe. tut nicht, was ich euch gesagt habe. wendet euch ab von mir und wendet euch den ausgestoßenen und unterdrückten zu!“ das ist starker tobak. gottes gebote, und solche waren die opfer und die feste, zu missachten, um umso mehr gehorsam zu sein, das kann in unserem denken nicht zusammen kommen. deshalb bleiben wir lieber bei der herkömmlichen lektüre und lesen etwas über einstellung, motivation und herzenshaltung darin. und dennoch: hier stehen sich zwei handlungen gegenüber, die im kontext des abschnitts gegeneinander gestellt werden.

was wenn gott uns so anredet? sind wir bereit, unsere vorstellung von gottesbeziehung, ja – in unserer vorstellung – gott selbst aufzugeben, um das zu tun, was er von uns fordert? was wenn die stimme des propheten an uns ergeht und sagt: „Hört auf lobpreis zu machen, hört auf zu beten, ich will nicht mehr, dass ihr gemeinschaft habt, will nicht, dass ihr meine gegenwart sucht, ihr sollt hinausgehen und euch um die unterdrückten und benachteiligten vor eurer haustür kümmern!“ sind wir bereit, auf sein wort hin alles hinter uns zu lassen und das zu tun? sind wir bereit, das gute zu lassen, um das beste zu tun, wenn es die situation, nein, wenn gott es fordert?

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Written by Henni

9. Dezember 2008 at 21:35

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warum ich emergiere

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ich habe das wochenende auf dem Emergent Forum 2008 verbracht und dort eine ungewöhnlich gute zeit verbracht. ein wochenende voller guter, tiefer gespräche, mit leuten, die meine gedankengänge teilen oder sie nachvollziehen können.

im nachgang treibt mich seit sonntag abend die frage um, was es genau ist, was mich am emergenten gedankengut, dieser art des denkens und des gemeinde lebens so fasziniert. es ist nicht der spass an der dekonstruktion (den habe ich), es ist nicht die faszination an postmoderner philosphie (die ist bei mir vorhanden), nicht der wille, den glauben zu politisieren (ich bin extrem politisch extrem). und ganz sicher ist es nicht, wie böswillige vermuten könnten, der wille, mir aus christlichen versatzstücken ein eigenes system zu basteln

die faszination, die diese bewegung auf mich hat, hat zunächst und zuerst theologische gründe. ich erkenne dahinter ein ernst nehmen des ganzheitlichen versöhnungswillen gottes. wenn der sündenfall nicht nur den zerbruch der beziehung des menschen zu gott, sondern auch einen zerbruch und eine verschiebung aller beziehungen von beziehungen und dingen untereinander meint, dann meint versöhnung nicht nur die heilung der persönlichen beziehung der einzelnen menschen zu gott, sondern die heilung des beziehungsgefüges innerhalb der gesamten schöpfung. das schließt die beziehungen der menschen untereinander, die beziehung der menschen zu ihrer umwelt und auch das verhältnis von natürlichen phänomenen untereinander ein. all diese zerbrochenen und verschobenen relationen waren teil der versöhnung in der erhöhung am kreuz.

in den beziehungen der menschen untereinander, also in der gesellschaft, bedeutet die störung für mich vor allem ein ungleichgewicht in den handlungsmöglichkeiten, die ein individuum hat, also macht und ohnmacht. ich glaube, dass eine versöhnung, die über die persönliche errettung hinausgreift, eine gesellschaft zum ziel hat, in der das ungleichgewicht der macht kontinuierlich kleiner wird: eine gesellschaft ohne sexismus, rassismus, mit gemeinsamer entscheidungsfindung, mit einer möglichst gleichmässigen verteilung wirtschaftlicher macht (sprich geld), ohne bevormundung und manipulation – in der sprache des theologen: geprägt von nächstenliebe und demut.

all das gehört zum versöhnungswillen gottes und kann meiner meinung nach unter keinen umständen nach einer der beiden seiten hin aufgelöst werden. und genau diesen bogen versucht die emergente konversation zu spannen: die persönliche versöhnung mit gott, die schon traditionell einen hohen stellenwert hat und diesen auch behalten soll, niemals ohne das streben nach einer versöhnten gesellschaft, ja einer im ganzen versöhnten schöpfung zu denken. das führt zu einem umdenken in bezug auf strukturen in christlichen gemeinden / gemeinschaften, die auch ein bild der gesellschaft sind und gerade weil sie gesellschaft und gemeinschaft der versöhnten sind, zu allererst die ganzheitliche versöhnung spiegeln sollten. aber auch ein umdenken oder erstmaliges denken über das handeln der gemeinschaften und einzelner in gesamtgesellschaftliche zusammenhänge hinein.

das fasziniert mich und ich glaube, dass das alles in erfüllung des göttlichen mandats zur versöhnung geschieht. dass nebenbei die beschäftigung mit postmodernen gedanken, die experimentelle umformung der ausdrucksformen des glaubens und eine hochdiskursive athmossphäre einen großen stellenwert dort haben, lässt meine faszination in die entscheidung münden, daran mitwirken zu wollen

Written by Henni

1. Dezember 2008 at 21:58

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shekina

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Denn so spricht der Hohe und Erhabene, der ewig wohnt, dessen Name heilig ist: Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind, auf dass ich erquicke den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen.
Jes 57,15

drei orte nennt der prophet hier, an denen gott wohnt, also gegenwärtig ist: den himmel, den tempel und die menschen, die leiden ertragen müssen. dass gott im himmel wohnt, also außerhalb der schöpfung und allem, was wir als existent kennen, sind wir gewohnt zu denken. das war auch das gottesbild antiker philosophie: ein gott der außerhalb seiner schöpfung und im strengen sinne jenseits ihrer wohnt. gott ist hier absolut unzugänglich, da die schöpfung keinen zugriff auf das außerhalb haben kann. dass gott im heiligtum, also im allerheiligsten des tempels in jerusalem, wohnt, war wiederum den juden selbstverständlich. soweit also nichts neues, kaum prophetisch zu nennen. hier handelt es sich um einen raum, der zwar innerhalb der schöpfung sich befindet, aber doch innerhalb ihrer einen sonderstatus einnimmt. denn betreten werden durfte er neu zu einem bestimmten zeitpunkt vom hohepriester unter beachtung strengster vorkehrungen. schon diese art von zugänglichkeit wäre der philosophie zu viel gewesen.

das dritte allerdings ist beiden denkschulen absolut fremd: ein gott, der mitten unter seinen geschöpfen wohnt. noch dazu unter denen, die sich durch irgendeine art von gebrechen vom mainstream der gesellschaft unterscheiden. ein gott in nächster nähe zu seiner schöpfung, noch dazu zu „fehlerhaften“ elementen davon. und doch stehen alle drei „wohnorte“ hier in völliger parallelität. an allen drei orten ist der ort, an dem gott völlig gegenwärtig ist. nur das der dritte jeder üblichen vorstellung von heiligkeit entbehrt

sicher war das ein hartes wort zu seiner zeit, dass die vorstellungskraft der zuhörer damals arg strapazierte. aber wie geht es uns damit? sind wir sind nicht auch geneigt, gott an den orten zu vermuten, die eine gewisse geistliche athmosphäre haben, an denen seinen name ausdrücklich genannt wird, die einzig ihm gewidmet sind? erwarten wir ihn wirklich im penner in der stadtmitte? der seinen namen vielleicht kennt, aber niemals benutzen würde? der ihn sich von uns auch nicht sagen lassen würde?

und doch… genau da sagt gott, dass er wohnen will. und wo er wohnt, können wir ihm begegnen. Lasst uns das ernst nehmen!

Written by Henni

27. November 2008 at 22:27

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sweet potatoes

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heute feiern sie in den US of A Thanksgiving. bei den vielen unterschiedlichen eindrücken, die ich von nordamerikanischer kultur und esskultur habe, gehört dieser tag definitiv zu den positiven: truthahn, füllung, süßkartoffelpürree, honigglasierter schinken und zum schluß ein pumpkin pie… lechz

im gegensatz zu halloween hat sich dieser feiertag nie bis nach europa durchgekämpft. dazu ist er dann wohl doch zu eng mit der geschichte der USA verknüpft. aber warum nicht die tradition ein bisschen biegen und stauchen und diesen tag auch für uns zum anlass nehmen, uns die dinge ins gedächtnis zu rufen, für die wir dankbar sind. und sie auch auszusprechen…

vielleicht haben ja einige von uns lust, heute das ein oder andere zu bloggen, für das wir dankbar sind. wer twittert, hat auch die gute gelegenheit, spontan all die kleinen dinge zu teilen, die dankbar machen.

ich für meinen teil muss gestehen, dass dankbarkeit eine von mir lange vernachlässigte tugend war. ich war oft doch eher… sagen wir problemorientiert. gott sei dank ändert sich das gerade, wie so vieles in meinen gelernten denkmustern sich grade ändert. deshalb liegt mir dieser tag heute auch so am herzen. und ich glaube, dafür bin ich im moment am dankbarsten: dass ich dankbar sein kann. dass all die dinge, von denen ich dachte, dass sie mein leben ausschließlich und notwendig lebenswert machen, immer noch nette dinge sind, aber eben doch zurücktreten vor dem, was nur gott geben kann.

dass er den weg mit mir geht, egal wie dieser aussieht und dass er ein gutes ziel im sinn hat, auch wenn mir oft jede vorstellung fehlt, wie das aussehen könnte.

und eigentlich heißt das nichts anderes, als dass ich es aufgebe, erst dann glücklich sein zu wollen, wenn alle meine phantasien über meine zukunft erfüllt sind. sondern dass ich umher schaue und auf die dinge achte, die mir gut tun, mich weiterbringen oder freuen, ohne dass ich sie mir unbedingt vorher selbst gewünscht habe – gerade die, mit denen ich nicht gerechnet habe.

Danke!

Written by Henni

27. November 2008 at 08:42

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der heimatliche kaffeetisch

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ich habe den eindruck, zwei große ströme prägen gerade die träume vieler leute in meinem umkreis: zum einen der traum einer echten christlichen lebensgemeinschaft, die praktisches, theologisches und philosophisches zu einer echten gemeinsamen sache macht, die gemeinsam wirtschaftet, glaubt und denkt. und auf der anderen seite der traum, die ganze globalisierte realität auszukosten und auszunutzen: zu reisen, weltumspannende netzwerke zu bilden, unabhängig zu bleiben und das eigene wirken nicht auf einen geographischen ort zu beschränken.

wie passt das zusammen, einmal tiefe, verbindliche gemeinschaft zu leben und das andere mal den ganzen globus mit dem eigenen leben zum umspannen? zum einen sich einen gemeinsamen ort zu schaffen, der dem leben rahmen gibt, zum anderen ortsunabhängig eine vielzahl wechselnd enger beziehungen zu genießen?

ich träume beide träume selbst, beides entspricht dem, wie ich mir mein leben wünschen kann. und doch scheint sich da ein widerspruch breitzumachen. wie können verbindlichkeit und ungebundenheit im selben leben priorität haben? aber ein traum scheint gleichzeitig die nachteile des anderen auszugleichen: so erscheint mir die verbindlichkeit, die sich an einen gemeinsamen wohnort knüpft auf dauer einengend und festlegend. andererseits birgt die ungezügelte mobilität auf dauer für mich die gefahr der bindungslosigkeit und sogar einsamkeit.

gibt es eine synthese? vielleicht, und der schlüssel dazu war der gedanke, wieviel lust ich auf eine längere auszeit hätte, reisenderweise. nur dass das wohl nicht gehen würde, hier alles, inklusive freunde, wohnung usw. aufzugeben, die mir viel bedeuten. und so träumte ich davon, alles hier stehen und liegen zu lassen, fortzugehen und dann nach einem jahr zurückzukommen und alles so zu finden, wie ich es verlassen hatte. unmöglich, leider.

unmöglich? was wenn sich der traum einer festen gemeinschaft und der traum eines globalen vagabundenlebens genau hier treffen? was wenn es eine lebensgemeinschaft gäbe, die in der lage ist, ihre mitglieder freizustellen, diese welt zu durchstreifen, ihnen auch finanziell unabhängigkeit gewähren kann und gleichzeitig stabil und eng genug, noch da zu sein, wenn ihre mitglieder wiederkommen?

eine solche gemeinschaft böte die möglichkeit, nach einem jahr leicht verschwitzt wieder HEIM zu kommen und zu sagen: ich bin wieder da. sie böte die möglichkeit für alle, den rhythmus von gehen und ankommen zu genießen, ohne jedesmal alle bindungen ablegen zu müssen.

kann es eine solche gemeinschaft geben? wie kann sie aussehen? ist sie dein traum?

Written by Henni

25. November 2008 at 22:27

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gute nacht geschichte – teil 4

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Einige Zeit später aber wurde der Mann von Geräuschen geweckt, die er so auf seinem Hof noch nie gehört hatte. Eine wütende Menschenmenge schien sich versammelt zu haben, er hörte aufgeregtes Reden und sogar das Klirren von Waffen. Kaum war er ans Fenster getreten, wurde er schon laut und drohend angesprochen: „Komm mit uns, wir haben mit dir zu verhandeln.“ Das klang nicht wie eine freundliche Einladung und so hatten sie ihn im nächsten Moment auch schon gebunden und auf ein Kamel gesetzt. In ihrer Mitte musste er mit zum einzigen größeren Dorf in der Umgebung reiten. Dort angekommen, wartete bereits eine noch größere Menschenmenge auf ihn. Es waren vor allem die Händler vom Markt, die in diesem Dorf lebten und die er von seinen gelegentlichen Einkäufen kannte. Sie stellten ihn in die Mitte des Platzes und der Richter und Älteste des Dorfes trat vor. Das also war es: Sie wollten nicht mit ihm verhandeln, sondern über ihn. Sie stellten ihn vor Gericht.

Der Älteste fing an, die Vorwürfe vorzubringen: „Du hast eigenmächtig deine Quelle erweitert und lässt große Mengen Wasser einfach in die Wüste laufen. Nicht nur, dass dies zeigt, dass du nicht in der Lage bist, dein Bewässerungssystem in Ordnung zu halten… nein, du lockst auch allerlei unnützes Gesindel in unsere Gegend, dass sich an den neuen Wasserläufen breit macht. Diese Menschen waren bis jetzt unsere Arbeiter und Kunden. Mit dem Geld, dass sie auf unseren Feldern verdienen konnten, kauften sie auch dem Markt unsere Erzeugnisse. Von diesem Geld, das wir durch sie einnahmen, haben wir uns und unsere Familien ernährt! Nun aber nehmen sie umsonst von dem Wasser, das aus deiner Quelle fließt und wässern ihre Felder damit und fressen sich an ihren eigenen Früchten rund und fett, ohne das wir auch nur einen Heller daran verdienen könnten.“

Zustimmendes Gemurmel erhob sich und ein paar Männer riefen: „Sollen wir unsere Familien jetzt etwa verhungern lassen?“ „ Eine Schande gegen Natur und jede Ordnung, was er da tut!“ „Er gehört doch selbst zu diesem Gesindel, wenn er so etwas zulässt!“

Der Älteste hob die Hand, bis wieder Ruhe herrschte und fuhr fort: „Nicht nur, dass du unnützes Pack anlockst und uns damit unsere Kunden und unsere Lebensgrundlage nimmst. Das ungewohnte Wasser lockt auch wilde Tiere tief aus der Wüste an. Überall sieht man Wölfe und Hyänen und schlimmeres um die Wasserstellen streifen und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie anfangen, hierher zu kommen und unsere Herden zu reißen. Ein Wunder, dass das bisher noch nicht geschehen ist. Immer weiter dringen einzelnen Ströme deines Wassers in unser Gebiet vor. Wo auch immer wir versuchen, sie mit Dämmen und Gräben aufzuhalten, brechen diese nach kurzer Zeit wieder ein und das Wasser fließt weiter. Willst du uns denn vernichten? Was bezweckst du mit deinem Tun? Oh, wir werden dich zwingen, dieses Loch zu stopfen, ob du willst oder nicht!“ Und mit einer Drohgebärde endete er: „Nun sprich, was hast du zu deiner Verteidigung vorzubringen?“

Der Mann richtete sich auf und erzählte mit leiser, aber fester Stimme seine Geschichte: Von dem seltsamen Mann, den er eines Morgens an der Quelle sah und wie sie danach immer kräftiger wurde. Wie er nicht wusste, wie er das viele Wasser davon abhalten sollte, Schaden anzurichten. Und wie er schließlich beschloss, nichts dagegen zu unternehmen, das andere sich ihren Teil seines Segens nahmen. Auch über das neuentstandene friedliche Verhältnis zwischen allen, die an diesen Wassern lebten und über die wiederhergestellte Gesundheit der ehemaligen Bettler und Habenichtse sprach er. Schließlich schloss er seine Rede: „Ich glaube nicht, dass ich diese Quelle eindämmen kann. Nicht ich habe sie geöffnet und so werde ich sie auch nicht wieder schließen können. Und ich sehe auch keinen Grund dazu. Vieles was vorher getrennt war, hat dieses Wasser vereinigt. Menschen werden zu Nachbarn und wo früher narbiges Land unsere Höfe trennte, ist jetzt neues Grün und neues Leben entstanden. Ihr habt Angst und fürchtet um eure Lebensgrundlage. Doch sagt ihr selbst, dass das Wasser unaufhaltsam vordringt und bald euren Bereich erreichen wird. Was hält euch ab, euch ebenfalls euren Teil davon zu nehmen? Nicht die Not des Gesindels, wie ihr es nennt, zum Leben und ernähren zu nutzen, sondern das, was hier jeden frei zur Verfügung steht. Nein, ich kann und werde diesen Strom nicht eindämmen. Viel mehr, ich lade euch ein, ihn zu nutzen und euer Leben auf ihm ruhen zu lassen! Ihr könnt mich töten, wenn ihr euren Zorn durch solche Schuld besänftigen wollt. Die Quelle allerdings vermögt ihr damit genauso wenig zu bremsen wie ich dazu in der Lage wäre.“ Viel kräftiger als der Beginn seiner Rede klangen diese Worte.

Ob er Eindruck gemacht hatte, vermochte er nicht zu sagen. In jedem Fall aber banden sie ihn los und schickten ihn zu Fuß nach hause zurück mit dem Versprechen, dass dieses Problem nicht mehr lange auf eine Lösung warten müssen werde. Es klang mehr wie eine Drohung. Er brauchte sehr sehr lange, bis er zuhause ankam. Seine Sicherheit aber, dass er richtig gesprochen hatte und dass niemand diese Veränderung, die von der kleinen Quelle ausging, rückgängig machen konnte, war mit jedem Schritt gewachsen.

Und tatsächlich, schon am nächsten Tag berichtete man ihm, dass sich am Rande des grünen Landes einige Familien aus dem Dorf neu ansiedelten. Und als er einige Tage später dort vorbei kam, sah er sie bereits fleißig an ihren neuen Häusern bauen. Er sprach sie nicht darauf an, aber ihr scheues Grüßen und Lächeln zeugte davon, dass sie seine Rede verstanden hatten. Die Gruppe, die ihm eine Lösung des Problems angedroht hatte, kam nicht wieder auf seinen Hof. Einige von ihnen traf er später auf den Festen, die sie immer noch regelmäßig feierten.

Von den wenigen anderen sagt man, dass sie fort gingen, um in einer anderen Gegend ein Leben zu führen, das sich nur sehr wenig unterschied vom Leben der Menschen vor ihnen und das dem Leben ihrer Enkel sehr ähnlich sein würde.

Written by Henni

13. August 2008 at 21:26

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gute nacht geschichte – teil 3

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Genau so war es am nächsten Morgen auch: Das ehemals trockene Land war von Wasserströmen wie von Adern durchzogen. Und noch etwas war geschehen: Überall ragte kleine grüne Sprösslinge von vielen verschiedenen Pflanzen aus der Erde. Lange musste dort Samen geruht haben, der jetzt durch das unerwartete Wasser neues Leben erhielt und aufging. Von nun an konnte der Mann jeden Tag, wenn er seinen Blick über das umgebende Land schweifen ließ, zusehen, wie das Land grüner und die Sprosse kräftiger wurden. Nach einigen Wochen konnte die Grenze seines Landes zur bisherigen Wüste nur noch anhand des Endes des von ihm gegrabenen Kanals erkennen.

Bald verbreiteten sich die Neuigkeiten von diesem kleinen grünen Wunder in der Wüste. Auf dem Markt wurden schließlich nicht nur Früchte, Tiere, Seile, Körbe und dergleichen gehandelt sondern auch die neuesten Nachrichten aus den umliegenden, weit verstreuten Höfen und wenigen Dörfern. So konnte der Mann eines Morgens eine Rauchsäule über dem Land entdecken und bei genauerem hinsehen auch eine kleine Gruppe von Zelten. Leise und fast heimlich näherte er sich diesem Flecken, denn er wollte zunächst sehen, was hier vor sich ging, ohne selbst sofort entdeckt zu werden. Ein paar Menschen hatten sich dort mit ihren Zelten und ein paar mageren Ziegen niedergelassen, sammelten Früchte von den inzwischen gewachsenen Büschen und gruben ein paar Streifen Erde für ein kleines Feld um.

Der Mann ging wieder zurück und wusste den ganzen Rückweg lang nicht so genau, was er von dieser neuen Entwicklung halten sollte. Ein wenig ärgerte er sich, dass diese Leute nun von dem Wasser seiner Quelle profitierten, ohne ein einziges Mal Hand dafür anlegen zu müssen. Er dagegen hatte jahrelang hart für den Erhalt seines Kanalsystems arbeiten müssen, um seine Felder bewirtschaften zu können. Es kam ihm doch ein wenig ungerecht vor. Schließlich aber setzte sich doch die Erkenntnis durch, dass das viele Wasser ihm und seiner Familie allein nichts nutzen, ja im schlimmsten Fall sogar schaden würde. So beschloss er, sich mit den Leuten, die sich um ihn herum ansiedelten zu arrangieren. Denn schnell folgten auf diese erste Gruppe viele weitere und bald konnte man neben den verteilten Zelten auch erste, festere Hütten sehen.

Der Mann, der noch nie in seinem Leben wirkliche Nachbarn gehabt hatte, wusste zunächst lange nicht, wie er diesen Neuankömmlingen begegnen sollte. Und so vermied er eine ganze Weile lang jeden Kontakt mit ihnen. Auch seine Nachbarn trauten sich in dieser Zeit kaum, sich dem Haus des Mannes, der schon so lange vor ihnen hier gewohnt hatte, zu nähern. Schließlich aber nahm sich der Mann ein Herz und tat den ersten Schritt. Vielleicht auch, um möglichen bösen Absichten mit dem Beweis seiner Gutwilligkeit die Spitze zu nehmen. Jedenfalls sandte er seine Kinder aus in das umliegende Land, alle neuen Nachbarn auf seinem Hof zu einem großen Fest einzuladen.

Sie kamen alle und jeder brachte ein Gastgeschenk mit. Der Mann kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, welch eine Vielfalt von Früchten inzwischen in der ehemaligen Wüste wuchs. Manche erkannte er sogar wieder, wenn auch kaum. Er hatte sie als dreckige, oft von Geschwüren und Wunden übersäte Gestalten auf dem Markt gesehen, wo er sie meist ärgerlich zur Seite scheuchte, wenn sie an den Ständen an ihn herantraten, um etwas Geld für Nahrung zu erbetteln. Wie anders sie jetzt aussahen: die Wunden geheilt, sauber und geradezu glücklich sahen sie aus. Der ein oder andere brachte sogar eine seiner einstmals mageren Ziegen mit, die inzwischen aussahen, als würden sie einen guten Braten abgeben. Das Fest ging, kurz gesagt, sehr lange und es blieb auch bei weitem nicht das einzige in der nächsten Zeit.

Aber nicht nur Menschen zog der neue Wasserreichtum an. An den Rändern des neuen grünen Landes, wo einige kleinere Ströme sich in flachen Tümpeln sammelten und nicht mehr die Kraft hatten weiter zu fließen, versorgten sich viele wilde Tiere. Eine solche Vielfalt hatten die Menschen noch nie gesehen: dort tranken Gazellen neben Löwen, Hyänen neben Zebras und sogar einige Schafe aus den Herden labten sich am selben Wasserloch. Nie sah man Panik ausbrechen, nie war der Verlust eines Herdentieres zu beklagen und nie fand man die Reste erlegter Beute am Rande der Wasserstellen. Manch einer, der das Treiben dort ein wenig länger beobachtete, konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es eine gewisse Vertrautheit zwischen den Beutetieren und ihren Jägern zu geben schien. Aber man redete niemals über diese seltsame Eintracht, die zwischen den Tieren dort herrschte. Zu sehr widersprach das jeder Erfahrung die man hatte, als dass man von etwas anderem ausging, als die grausamen Dinge des Lebens wohl geschehen würden, wenn gerade keine menschliches Auge Zeuge wurde.

Written by Henni

11. August 2008 at 21:18

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