freedom to god's people

mystischer spargel

with 4 comments

ich beschäftige mich ein letzter zeit ausführlich mit der möglichkeit einer mystischen theologie. eine beschäftigung, die unter anderem zu dem kleinen post auf meinem nebenblog geführt hat.

spannend war die reaktion vieler gesprächspartner auf den gedanken, eine theologie auf erfahrung aufzubauen. es scheint einen begriff von erfahrung zu geben, den ich bei der formulierung nicht bedacht hatte. nämlich den des unmittelbaren emotionalen erlebens, das ebenfalls unter „erfahrung“ firmiert. eine theologie, die darauf aufbaut, muss wohl tatsächlich kritisch gesehen werden. sie verlangte ein ständiges suchen, ausstrecken, ja vielleicht auf dauer sogar ein herbeiführen von emotionalen momenten, die sich als gottesbegegnung benennen lassen.

und so weit hergeholt ist der gedanke dann ja auch nicht. tatsächlich hört man auf vielen veranstaltungen und gottesdiensten die sehnsucht nach einer größeren zahl dieser momente heraus. und sieht man von dem spezifisch christlichen inhalt dieses verlangens hab, entspricht es auch einer der grundzüge unserer gesellschaft: der ständigen verfügbarkeit aller dinge. wir können jedes lied hören, wann uns danach ist, jede fernsehsendung sehen, wann wir zeit dafür haben. wir können jedes nahrungsmittel aus jeder gegend der welt zu jeder jahreszeit verzehren und jederzeit mit jedem beliebigen menschen in kontakt treten. so ist dieses erleben von nichts abhängig als unserem verlangen, nicht von programmplanern der rundfunkanstalten, nicht von der natur und nicht von kupferdraht. liegt es da nicht nahe, auch im geistlichen bereich mit allzeit verfügbaren erlebnissen zu rechnen?

liegt es. und mir liegt es fern, unsere hochverfügbarkeitswelt in bausch und bogen zu verdammen oder den wert emotionaler gottesbegegnungen in frage zu stellen. eine gefahr allerdings trägt beides in sich: den zwang zu wiederholung und den verlust der fähigkeit zum anhaltenden genuss. warum soll ich dem gefühl, das zum beispiel ein lied bei mir auslöst, in ruhe nachhängen, wenn ich doch die möglichkeit habe, jenes gefühl unmittelbar wieder herbeizuführen, indem ich die repeat-taste drücke. wird diese möglichkeit ausführlich in anspruch genommen, besteht die gefahr, dass der zugang zu bestimmten stimmungen, gefühlen oder auch gedanken nur noch in unmittelbarem erleben möglich ist. der rückzug auf erinnerung, auf vergangenes erleben, auf eigentliche erfahrung ist uns dann mehr und mehr verbaut.

denn das ist, was erfahrung eigentlich ausmacht. nicht das unmittelbare erleben, sei es denn nun emotional, intellektuell oder auch körperlich. sondern die veränderung, die erkenntnis, die sich einstellt in der beschäftigung mit dem erlebten. das ist ein begriff von erfahrung, der sich niederschlägt in der rede von einem „erfahrenen menschen“ oder auch von „lebenserfahrung“. das erlebnis selbst ist nur der auslöser dieser erfahrung und im besten fall verblasst es im laufe der zeit völlig.

diese art von gottes-erfahrung kann meiner meinung nach einer mystischen theologie zugrundeliegen. die erfahrung, die sich angestossen durch die begegnung mit gott aufbaut und entwickelt. die gedanken, überzeugungen und veränderungen die daraus entstehen und die danach drängen, versprachlicht zu werden, sind grundlage einer theologie, die dann diese versprachlichungen leisten muss.

dazu ist es aber dringend nötig, unser verlangen nach einem hochverfügbarkeitsgott an die zügel zu nehmen. es verlangt die fähigkeit, momente wie maria in unserem herzen zu bewahren und zu bewegen, dem, was daraus hervorgeht, nachzuspüren und es langsam und vorsichtig kommunizierbar zu machen, zuerst uns selbst und dann dem anderen. das ist nicht zuletzt: es zu genießen. und nicht sofort nach der replay-taste des erlebens zu suchen.

vielleicht ist es da nur konsequent, dass sich gott unserem verlangen nach unmittelbarem erleben oft genug entzieht.

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Written by Henni

30. November 2009 um 22:42

Veröffentlicht in theologie

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4 Antworten

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  1. Ich war ja einer der Skeptiker 🙂 Ich finde deine Näherbestimmung sehr hilfreich, gerade auch die Beobachtungen zur ständigen Verfügbarkeit (sozusagen der Wunsch nach einer religiösen Erlebnisflatrate). Auch die Unterscheidung von Erfahrung und Erlebnis trifft es gut.
    Mit Barth allerdings stelle ich mir die prinzipielle Frage, ob „Erfahrungen“ überhaupt als Fundament des Glaubens taugen – und ob man hier nicht vielmehr, so viele unangenehme Flashbacks an gewisse überwundende Theologien das zunächst auslösen mag, Gottes Handeln selbst ansetzen muss: So sehr ich gewisse biographische Erfahrungen als unaufgebbar für meinen Glauben und meine Theologie festhalten würde – als „Fundament“ im fundamentaltheologischen Sinne würde ich sie ungern ausgeben. Sondern jeweils davorschalten, was man in etwas angestaubter Sprache „Gott gnädiges Handeln“ nenne könnte…

    Alex

    30. November 2009 at 23:02

  2. ich verstehe gut, was du meinst. und kann dir doch nicht ganz zustimmen. das problem ist weniger, dass wir von zwei verschiedenen konstituierenden faktoren reden, sondern vielmehr ein erkenntnistheoretisches: ist mir das handeln gottes überhaupt außerhalb meiner erfahrung, meiner immer schon geprägten wahrnehmung zugänglich. ich denke nein, und dennoch hast du recht, vom handeln gottes zu reden. das ist aber für mich teil der versprachlichenden theologie, die die erfahrung als konsequenz dieses handelns kommuniziert. genauer noch: als offenbarung in dem sinne, dass sich etwas, bzw. jemand, in diesem falle gott, zu verstehen gibt, sich „aufdrängt“, beschäftigung mit dem geschehen nicht nur auslöst, sondern einfordert. nur, wie gesagt, das ist bereits eine theologische aussage.

    Henni

    30. November 2009 at 23:18

  3. Mit der Postmoderne steigt auch das Interesse an den Mystikern, ich glaube die haben in uns in unserer Zeit sehr viel zu bieten. Deswegen war wohl auch der Film Vision von so grossem Interesse, selbst wenn es langsam war und nicht gerade Hollywood-Style…

    Annika

    1. Dezember 2009 at 01:05

  4. Bist mir sehr nahe, mit dem, was Du schreibst, Henni. Theologie ist für mich (nicht nur aber auch) immer das in-Worte-fassen dessen, was ich im Gott-hinterher-schauen erkenne. Durch die Erfahrung verändert sich Theologie, bzw. Worte erhalten eine neue Bedeutung, die manches Mal auch von der Emotion her kommt.

    DoSi

    3. Dezember 2009 at 11:50


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