freedom to god's people

gute nacht geschichte – teil 4

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Einige Zeit später aber wurde der Mann von Geräuschen geweckt, die er so auf seinem Hof noch nie gehört hatte. Eine wütende Menschenmenge schien sich versammelt zu haben, er hörte aufgeregtes Reden und sogar das Klirren von Waffen. Kaum war er ans Fenster getreten, wurde er schon laut und drohend angesprochen: „Komm mit uns, wir haben mit dir zu verhandeln.“ Das klang nicht wie eine freundliche Einladung und so hatten sie ihn im nächsten Moment auch schon gebunden und auf ein Kamel gesetzt. In ihrer Mitte musste er mit zum einzigen größeren Dorf in der Umgebung reiten. Dort angekommen, wartete bereits eine noch größere Menschenmenge auf ihn. Es waren vor allem die Händler vom Markt, die in diesem Dorf lebten und die er von seinen gelegentlichen Einkäufen kannte. Sie stellten ihn in die Mitte des Platzes und der Richter und Älteste des Dorfes trat vor. Das also war es: Sie wollten nicht mit ihm verhandeln, sondern über ihn. Sie stellten ihn vor Gericht.

Der Älteste fing an, die Vorwürfe vorzubringen: „Du hast eigenmächtig deine Quelle erweitert und lässt große Mengen Wasser einfach in die Wüste laufen. Nicht nur, dass dies zeigt, dass du nicht in der Lage bist, dein Bewässerungssystem in Ordnung zu halten… nein, du lockst auch allerlei unnützes Gesindel in unsere Gegend, dass sich an den neuen Wasserläufen breit macht. Diese Menschen waren bis jetzt unsere Arbeiter und Kunden. Mit dem Geld, dass sie auf unseren Feldern verdienen konnten, kauften sie auch dem Markt unsere Erzeugnisse. Von diesem Geld, das wir durch sie einnahmen, haben wir uns und unsere Familien ernährt! Nun aber nehmen sie umsonst von dem Wasser, das aus deiner Quelle fließt und wässern ihre Felder damit und fressen sich an ihren eigenen Früchten rund und fett, ohne das wir auch nur einen Heller daran verdienen könnten.“

Zustimmendes Gemurmel erhob sich und ein paar Männer riefen: „Sollen wir unsere Familien jetzt etwa verhungern lassen?“ „ Eine Schande gegen Natur und jede Ordnung, was er da tut!“ „Er gehört doch selbst zu diesem Gesindel, wenn er so etwas zulässt!“

Der Älteste hob die Hand, bis wieder Ruhe herrschte und fuhr fort: „Nicht nur, dass du unnützes Pack anlockst und uns damit unsere Kunden und unsere Lebensgrundlage nimmst. Das ungewohnte Wasser lockt auch wilde Tiere tief aus der Wüste an. Überall sieht man Wölfe und Hyänen und schlimmeres um die Wasserstellen streifen und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie anfangen, hierher zu kommen und unsere Herden zu reißen. Ein Wunder, dass das bisher noch nicht geschehen ist. Immer weiter dringen einzelnen Ströme deines Wassers in unser Gebiet vor. Wo auch immer wir versuchen, sie mit Dämmen und Gräben aufzuhalten, brechen diese nach kurzer Zeit wieder ein und das Wasser fließt weiter. Willst du uns denn vernichten? Was bezweckst du mit deinem Tun? Oh, wir werden dich zwingen, dieses Loch zu stopfen, ob du willst oder nicht!“ Und mit einer Drohgebärde endete er: „Nun sprich, was hast du zu deiner Verteidigung vorzubringen?“

Der Mann richtete sich auf und erzählte mit leiser, aber fester Stimme seine Geschichte: Von dem seltsamen Mann, den er eines Morgens an der Quelle sah und wie sie danach immer kräftiger wurde. Wie er nicht wusste, wie er das viele Wasser davon abhalten sollte, Schaden anzurichten. Und wie er schließlich beschloss, nichts dagegen zu unternehmen, das andere sich ihren Teil seines Segens nahmen. Auch über das neuentstandene friedliche Verhältnis zwischen allen, die an diesen Wassern lebten und über die wiederhergestellte Gesundheit der ehemaligen Bettler und Habenichtse sprach er. Schließlich schloss er seine Rede: „Ich glaube nicht, dass ich diese Quelle eindämmen kann. Nicht ich habe sie geöffnet und so werde ich sie auch nicht wieder schließen können. Und ich sehe auch keinen Grund dazu. Vieles was vorher getrennt war, hat dieses Wasser vereinigt. Menschen werden zu Nachbarn und wo früher narbiges Land unsere Höfe trennte, ist jetzt neues Grün und neues Leben entstanden. Ihr habt Angst und fürchtet um eure Lebensgrundlage. Doch sagt ihr selbst, dass das Wasser unaufhaltsam vordringt und bald euren Bereich erreichen wird. Was hält euch ab, euch ebenfalls euren Teil davon zu nehmen? Nicht die Not des Gesindels, wie ihr es nennt, zum Leben und ernähren zu nutzen, sondern das, was hier jeden frei zur Verfügung steht. Nein, ich kann und werde diesen Strom nicht eindämmen. Viel mehr, ich lade euch ein, ihn zu nutzen und euer Leben auf ihm ruhen zu lassen! Ihr könnt mich töten, wenn ihr euren Zorn durch solche Schuld besänftigen wollt. Die Quelle allerdings vermögt ihr damit genauso wenig zu bremsen wie ich dazu in der Lage wäre.“ Viel kräftiger als der Beginn seiner Rede klangen diese Worte.

Ob er Eindruck gemacht hatte, vermochte er nicht zu sagen. In jedem Fall aber banden sie ihn los und schickten ihn zu Fuß nach hause zurück mit dem Versprechen, dass dieses Problem nicht mehr lange auf eine Lösung warten müssen werde. Es klang mehr wie eine Drohung. Er brauchte sehr sehr lange, bis er zuhause ankam. Seine Sicherheit aber, dass er richtig gesprochen hatte und dass niemand diese Veränderung, die von der kleinen Quelle ausging, rückgängig machen konnte, war mit jedem Schritt gewachsen.

Und tatsächlich, schon am nächsten Tag berichtete man ihm, dass sich am Rande des grünen Landes einige Familien aus dem Dorf neu ansiedelten. Und als er einige Tage später dort vorbei kam, sah er sie bereits fleißig an ihren neuen Häusern bauen. Er sprach sie nicht darauf an, aber ihr scheues Grüßen und Lächeln zeugte davon, dass sie seine Rede verstanden hatten. Die Gruppe, die ihm eine Lösung des Problems angedroht hatte, kam nicht wieder auf seinen Hof. Einige von ihnen traf er später auf den Festen, die sie immer noch regelmäßig feierten.

Von den wenigen anderen sagt man, dass sie fort gingen, um in einer anderen Gegend ein Leben zu führen, das sich nur sehr wenig unterschied vom Leben der Menschen vor ihnen und das dem Leben ihrer Enkel sehr ähnlich sein würde.

Written by Henni

13. August 2008 um 21:26

Veröffentlicht in Uncategorized

2 Antworten

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  1. Krass! Hast du das geschrieben, stammt der Text aus Deine Feder?
    Respekt!

    Martin.D[x]D.nitraM

    7. Oktober 2008 at 15:53

  2. thx 🙂 ja, das hab ich als geistliche gute nacht geschichte für den night praise auf freakstock geschrieben.

    onkel-henni

    7. Oktober 2008 at 18:51


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