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gute nacht geschichte – teil 3

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Genau so war es am nächsten Morgen auch: Das ehemals trockene Land war von Wasserströmen wie von Adern durchzogen. Und noch etwas war geschehen: Überall ragte kleine grüne Sprösslinge von vielen verschiedenen Pflanzen aus der Erde. Lange musste dort Samen geruht haben, der jetzt durch das unerwartete Wasser neues Leben erhielt und aufging. Von nun an konnte der Mann jeden Tag, wenn er seinen Blick über das umgebende Land schweifen ließ, zusehen, wie das Land grüner und die Sprosse kräftiger wurden. Nach einigen Wochen konnte die Grenze seines Landes zur bisherigen Wüste nur noch anhand des Endes des von ihm gegrabenen Kanals erkennen.

Bald verbreiteten sich die Neuigkeiten von diesem kleinen grünen Wunder in der Wüste. Auf dem Markt wurden schließlich nicht nur Früchte, Tiere, Seile, Körbe und dergleichen gehandelt sondern auch die neuesten Nachrichten aus den umliegenden, weit verstreuten Höfen und wenigen Dörfern. So konnte der Mann eines Morgens eine Rauchsäule über dem Land entdecken und bei genauerem hinsehen auch eine kleine Gruppe von Zelten. Leise und fast heimlich näherte er sich diesem Flecken, denn er wollte zunächst sehen, was hier vor sich ging, ohne selbst sofort entdeckt zu werden. Ein paar Menschen hatten sich dort mit ihren Zelten und ein paar mageren Ziegen niedergelassen, sammelten Früchte von den inzwischen gewachsenen Büschen und gruben ein paar Streifen Erde für ein kleines Feld um.

Der Mann ging wieder zurück und wusste den ganzen Rückweg lang nicht so genau, was er von dieser neuen Entwicklung halten sollte. Ein wenig ärgerte er sich, dass diese Leute nun von dem Wasser seiner Quelle profitierten, ohne ein einziges Mal Hand dafür anlegen zu müssen. Er dagegen hatte jahrelang hart für den Erhalt seines Kanalsystems arbeiten müssen, um seine Felder bewirtschaften zu können. Es kam ihm doch ein wenig ungerecht vor. Schließlich aber setzte sich doch die Erkenntnis durch, dass das viele Wasser ihm und seiner Familie allein nichts nutzen, ja im schlimmsten Fall sogar schaden würde. So beschloss er, sich mit den Leuten, die sich um ihn herum ansiedelten zu arrangieren. Denn schnell folgten auf diese erste Gruppe viele weitere und bald konnte man neben den verteilten Zelten auch erste, festere Hütten sehen.

Der Mann, der noch nie in seinem Leben wirkliche Nachbarn gehabt hatte, wusste zunächst lange nicht, wie er diesen Neuankömmlingen begegnen sollte. Und so vermied er eine ganze Weile lang jeden Kontakt mit ihnen. Auch seine Nachbarn trauten sich in dieser Zeit kaum, sich dem Haus des Mannes, der schon so lange vor ihnen hier gewohnt hatte, zu nähern. Schließlich aber nahm sich der Mann ein Herz und tat den ersten Schritt. Vielleicht auch, um möglichen bösen Absichten mit dem Beweis seiner Gutwilligkeit die Spitze zu nehmen. Jedenfalls sandte er seine Kinder aus in das umliegende Land, alle neuen Nachbarn auf seinem Hof zu einem großen Fest einzuladen.

Sie kamen alle und jeder brachte ein Gastgeschenk mit. Der Mann kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, welch eine Vielfalt von Früchten inzwischen in der ehemaligen Wüste wuchs. Manche erkannte er sogar wieder, wenn auch kaum. Er hatte sie als dreckige, oft von Geschwüren und Wunden übersäte Gestalten auf dem Markt gesehen, wo er sie meist ärgerlich zur Seite scheuchte, wenn sie an den Ständen an ihn herantraten, um etwas Geld für Nahrung zu erbetteln. Wie anders sie jetzt aussahen: die Wunden geheilt, sauber und geradezu glücklich sahen sie aus. Der ein oder andere brachte sogar eine seiner einstmals mageren Ziegen mit, die inzwischen aussahen, als würden sie einen guten Braten abgeben. Das Fest ging, kurz gesagt, sehr lange und es blieb auch bei weitem nicht das einzige in der nächsten Zeit.

Aber nicht nur Menschen zog der neue Wasserreichtum an. An den Rändern des neuen grünen Landes, wo einige kleinere Ströme sich in flachen Tümpeln sammelten und nicht mehr die Kraft hatten weiter zu fließen, versorgten sich viele wilde Tiere. Eine solche Vielfalt hatten die Menschen noch nie gesehen: dort tranken Gazellen neben Löwen, Hyänen neben Zebras und sogar einige Schafe aus den Herden labten sich am selben Wasserloch. Nie sah man Panik ausbrechen, nie war der Verlust eines Herdentieres zu beklagen und nie fand man die Reste erlegter Beute am Rande der Wasserstellen. Manch einer, der das Treiben dort ein wenig länger beobachtete, konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es eine gewisse Vertrautheit zwischen den Beutetieren und ihren Jägern zu geben schien. Aber man redete niemals über diese seltsame Eintracht, die zwischen den Tieren dort herrschte. Zu sehr widersprach das jeder Erfahrung die man hatte, als dass man von etwas anderem ausging, als die grausamen Dinge des Lebens wohl geschehen würden, wenn gerade keine menschliches Auge Zeuge wurde.

Written by Henni

11. August 2008 um 21:18

Veröffentlicht in Uncategorized

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